Coming-out bei einem Schweizer KMU
Hinweis: Bis auf meinen eigenen sind alle Namen in diesem Text geändert.
Ich zitterte in meinen Knien.
Am Vortag hatte ich alles bereitgelegt, in meinem Zimmer auf dem Stuhl: schwarze Leinenhose, türkis-grünes T-Shirt, weisser Cardigan. Nichts Auffälliges, hatte ich mir gesagt.
Auch Muffins hatte ich gebacken, für das Team, dieses Mal nicht für meinen Geburtstag. In der Gratinschale lagen sie jetzt in hellblauen und hellrosa Förmchen.
Ich fuhr wie immer mit dem Bus zur Arbeit, der mich an der Haltestelle im Industriequartier absetzte, und überquerte die Strasse Richtung Firma. Vor der Treppe blieb ich stehen und schaute, ob niemand dort war.
Eine Woche zuvor war ich diese Treppe noch als jemand anders hochgegangen. Sieben Tage zuvor hatte ich, spontan, auf einem anderen Stuhl gesessen, im Zivilstandesamt Winterthur.
Was die Beamtin am Schalter mit ein paar Klicks erledigte, hätte mich noch wenige Jahre zuvor durch ein Gericht geführt. Dass ich diesen Termin überhaupt so unkompliziert haben konnte, war Ergebnis jahrzehntelanger Arbeit. TGNS, Pink Cross, LOS und andere haben dafür gestritten, internationale Vorbilder wie Malta, Irland oder Norwegen den Weg gezeigt.
Ich musste nur meinen neuen Namen auf ein kleines Post-it schreiben, unterschreiben, und für die bürokratische Arbeit ein paar Franken dort lassen.
Am 10. Juni 2025, einen Tag nach Pfingsten, hatte ich morgens entschieden: heute.
Also lief ich los, das Zivilstandesamt war nicht weit. Eine Stunde Warten, fünf Minuten Termin. Danach hatte ich offiziell meinen neuen Namen, Alyssa, und den passenden Geschlechtseintrag.
Ich fühlte mich befreit. Den ganzen Tag spazierte ich durch die Stadt, so frei wie noch nie. Es war das erste Mal, dass ich als Frau durch Winterthur ging, offiziell, ohne dass irgendein Papier dem widersprach.
Was niemand mir vorher gesagt hatte: am Zivilstandesamt war noch nicht Schluss. In der Schweiz besteht eine Mitteilungspflicht, der Arbeitgeber muss informiert werden, weil sonst AHV und Pensionskasse nicht mehr stimmen.
Bank, Krankenkasse, Versicherungen, das Steueramt: bei den meisten Stellen wäre es eine Sache von Formularen geworden. Beim Arbeitgeber ging das nicht. Dort sass Stefanie, die HR-Person, und Stefanie kannte mich.
Boris und Claudia sassen mit mir im Besprechungsraum. Sie wussten nicht worum es ging, ich hatte sie für ein ganz normales Meeting eingeladen. Wir schwatzten einfach drauflos. Als der richtige Moment kam, sagte ich mit nervöser, schüchterner Stimme: “Ich muss euch was sagen und weiss ehrlich gesagt nicht wie.”
Eine Pause. Ich sah ihre Gesichter, ernst.
“Ich habe mich entschieden, als Frau mein Leben zu leben.”
Eine zweite Pause, dann Erleichterung in beiden Gesichtern. “Ach Gott, wir dachten du seist todkrank.”
Boris sagte noch etwas, Claudia auch, ich erinnere mich nicht mehr genau an die Worte. Was ich behielt, war: keine Distanz, keine Verlegenheit. Im Nachhinein hätte ich nicht so nervös sein müssen, beide sind politisch sehr sozial eingestellt.
Zurück zum 10. Juni. Während meines Stadtspaziergangs war mir klar geworden, dass ich Stefanie nicht warten lassen konnte. Noch am gleichen Tag, ganz nervös, schrieb ich die Mail an HR.
Liebe Stefanie,
ich möchte dich darüber informieren, dass ich mein Geschlecht geändert habe und nun offiziell den Namen Alyssa trage. Gemäss meiner Mitteilungspflicht bitte ich dich, meine Personalakte entsprechend zu aktualisieren. Den Nachweis habe ich beigefügt.
Liebe Grüsse, Alyssa
Ich fragte sie auch, wie ein Coming-out firmenintern gehandhabt wird. Dann starrte ich in meine Outlook-Inbox und konnte den Blick nicht abwenden.
Die Antwort kam noch am selben Nachmittag.
Liebe Alyssa,
vielen Dank für deine offene und vertrauensvolle Mitteilung, und herzlichen Glückwunsch zu diesem wichtigen Schritt! Ich werde deine Personalakte umgehend anpassen. Gerne begleite ich dich bei den nächsten Schritten, ganz in deinem Tempo und nach deinen Wünschen.
Liebe Grüsse, Stefanie
Ich las die Mail. Atmete aus.
Am nächsten Tag traf ich Stefanie in ihrem Büro, um die nächsten Schritte zu planen. Sie offerierte mir, alle Supervisors zu informieren und zu sensibilisieren.
Nach dem Treffen mit Stefanie arbeitete ich von zu Hause aus. Konzentrieren konnte ich mich kaum, ich checkte mein Postfach immer wieder und meine Gedanken waren überall.
Zwei Tage später lag die Nachricht im Postfach. Stefanie hatte alle Supervisors informiert, das Feedback sei durchwegs gut. Sie schickte mir eine der Antworten zur Illustration.
Dear Stefanie,
Thank you for sharing such sensitive information. My team and I have the utmost respect for Alyssa. She’s incredibly brave. If there’s anything we can do to support her, please don’t hesitate to let me know.
Kind regards, Susan
Ich las die Mail mehrmals. Susan kannte mich nur flüchtig, ein paar Begegnungen in der Begegnungs-Zone. Dass sie sich so meldete, hatte ich nicht erwartet.
Die Mail war warm. Sie war auch ein bisschen heldenhaft, “incredibly brave”. Manchmal werde ich für etwas zur Heldin gemacht, was eigentlich einfach mein eigenes Leben ist.
Stefanie schrieb am Ende noch, dass die IT bis Ende der Woche meine Mailadresse, Teams und die übrigen Systeme anpassen werde. Die Pensionskasse hatte sie bereits informiert.
Am gleichen Tag lud mich Andreas, mein neuer Teamlead, der erst seit zwei Wochen bei uns angefangen hatte, zu einem 1on1.
Ich war wieder nervös, aber das war jetzt der vertraute Zustand. Die IT hatte meinen Namen offenbar bereits in einigen Systemen geändert. Andreas schmunzelte: “Ist die Alyssa also neu im Team?”
Das Meeting verlief ohne Probleme. Er bot mir an, am Montag, 16. Juni, ein kurzes Meeting mit dem ganzen Team zu organisieren, damit ich es nicht alleine machen musste.
Am Montag um Viertel vor neun sass ich in meinem Wohnzimmer vor dem Laptop. Teams-Call, fünfzehn Minuten im Kalender. Andreas eröffnete, erklärte die Situation, und übergab dann an mich.
Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich war ein bisschen überrumpelt, hatte mich nicht vorbereitet, etwas zu sagen. Also sagte ich nur noch, dass ich jetzt einen anderen Namen und andere Pronomen habe. Mehr fiel mir nicht ein.
Niemand fragte etwas, niemand kommentierte. Vielleicht weil im Büro die meisten zusammen sassen und sich nicht melden wollten, vielleicht weil sie es schon wussten. Wie die Reaktion im Büro wirklich war, weiss ich bis heute nicht.
Am Dienstag stieg ich die Treppe hoch, nahm den Aufzug in den dritten Stock, öffnete die schwere Tür zu meinem Department.
Ich ging zu meinem Schreibtisch, als wäre nichts. Business as usual. Sagte den Kolleg:innen, dass ich Muffins mitgebracht hatte, setzte mich, loggte mich am Laptop ein.
Überall stand mein neuer Name.
Heute, fast ein Jahr später, denke ich manchmal an diese Zeit. Was bleibt, ist nicht das grosse Gefühl, sondern die kleinen Dinge. Mein Name in Outlook und Teams, auch wenn Microsoft es nicht einfach macht. Die Selbstverständlichkeit, mit der Boris und Claudia “Alyssa” sagten, als wäre es nie anders gewesen. Kleine Dinge, über die niemand mehr spricht.
Wie unkompliziert das alles ging, war kein Zufall. Ein Zivilstandesamt das mich in fünf Minuten registrierte. Eine HR-Person wie Stefanie. Ein Team das nicht reagierte, als gäbe es Grund dazu. Das ist Privileg. Andere trans Menschen erleben jeden dieser Schritte anders, schwerer, gefährlicher.
Ich war in einem guten Team. Das nehme ich nicht für selbstverständlich.